MIDGARDAudhumbla 0.6

Nanna

Manche Göttinnen herrschen über Schlachtfelder, andere über Magie und Sehnsucht. Nanna herrscht über nichts – und gerade darin liegt ihre Größe. Sie ist die Frau Baldurs, die Mutter Forsetis, die Tochter Neprs. Ihr Name klingt leise in den Quellen, doch ihr Bild brennt: eine Frau, die auf den Scheiterhaufen steigt, weil der Tod des Geliebten schwerer wiegt als das eigene Leben.

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Der Name und sein Klang

Mutter, Wagemutige, Blüte

Der Name Nanna ist alt und vielschichtig. Manche Forscher leiten ihn vom altnordischen Wort für „Mutter" ab, andere sehen darin „die Wagemutige" oder „die Kühne". Es gibt auch eine Deutung, die Nanna mit einer Pflanze in Verbindung bringt – einer zarten Blüte, die blüht und vergeht. All diese Bedeutungen überlagern sich und bilden zusammen ein Bild, das Nannas Wesen erstaunlich genau trifft: Mütterlichkeit, Mut und Vergänglichkeit.

In der nordischen Mythologie sind Namen nie bloßer Schmuck. Sie tragen Schicksal in sich, sie formen Erwartung und Bestimmung. Ein Name wie Thor verspricht Donner. Ein Name wie Odin verspricht Raserei und Wissen. Nannas Name verspricht etwas Leiseres: die Kraft, die im Nähren liegt, den Mut, der im Bleiben besteht, und die Wahrheit, dass alles Schöne endlich ist.

Diese dreifache Bedeutung macht Nanna zu einer Gestalt, die mehr ist als die Nebenrolle, zu der sie in manchen Nacherzählungen verkürzt wird. Sie ist nicht nur „Baldurs Frau". Sie ist eine Göttin, deren Name bereits erzählt, was ihr Schicksal bestätigen wird: dass Stärke nicht im Überleben liegt, sondern im Annehmen dessen, was das Schicksal bringt – sei es Liebe, sei es Verlust, sei es der Gang in die Unterwelt.

Herkunft – Tochter Neprs

Eine Linie, die sich im Dunkel verliert

Nanna ist die Tochter Neprs. Nepr – manchmal auch Nep geschrieben – ist eine Gestalt, über die die Quellen fast nichts berichten. In den Þulur, den Listen der Prosa-Edda, wird er als Sohn Odins genannt. Damit wäre Nanna eine Enkelin des Allvaters und gehörte zum inneren Kreis der Asen. Doch diese Verbindung wird in den Quellen nicht weiter ausgeführt. Nepr bleibt ein Schatten, ein Name in einer Liste, eine Verbindung, die angedeutet, aber nicht erzählt wird.

Dass Nannas Vater so wenig greifbar ist, hat etwas Bezeichnendes. In einer Mythologie, in der Abstammung und Sippe alles bedeuten – in der jeder Gott, jeder Riese, jeder Zwerg in ein Netz aus Verwandtschaft eingebettet ist –, steht Nanna gewissermaßen allein. Ihr Vater ist ein Schemen, ihre mütterliche Linie unbekannt. Was sie ausmacht, kommt nicht aus der Herkunft, sondern aus dem, was sie selbst tut und wählt. In einer Welt der Stammbäume und Ahnenreihen ist das bemerkenswert: Nanna definiert sich durch Bindung, nicht durch Blut.

Die Frage, warum Nepr als Sohn Odins genannt wird, obwohl er sonst nirgends auftaucht, hat Gelehrte seit Jahrhunderten beschäftigt. Manche vermuten, dass es sich um eine spätere Ergänzung handelt, um Nannas Rang zu heben und ihre Ehe mit Baldur dynastisch zu rechtfertigen. Andere sehen darin einen echten, verlorenen Mythos – eine Geschichte, die einst erzählt wurde und irgendwann im Strom der Überlieferung versank. Was bleibt, ist der Name: Nepr, Sohn Odins, Vater Nannas. Ein Bindeglied, das mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Nanna und Baldur – Licht und Schatten einer Liebe

Das leuchtendste Paar der Götterwelt

Baldur ist in der nordischen Mythologie der Leuchtende, der Geliebte, der Gott, dem kein böses Wort gilt und dem kein Wesen Schaden wünscht. Er ist Sohn Odins und Friggs, und sein Licht wird so beschrieben, dass die Blumen sich nach ihm richten und die Welt heller ist, wo er geht. In einer Mythologie, die viel von Kampf und Dunkelheit erzählt, ist Baldur ein Gegengewicht: die Erinnerung daran, dass es auch Güte gibt, Schönheit, ungetrübte Freude.

Nanna ist seine Gemahlin. Die Quellen schildern ihre Ehe nicht in Einzelheiten – es gibt keine Erzählung über ihre Hochzeit, kein Lied über ihre Liebe, kein Bild ihres gemeinsamen Alltags. Und doch spricht alles, was über sie berichtet wird, von einer Bindung, die tief und unerschütterlich ist. Nannas Tod auf Baldurs Scheiterhaufen ist der stärkste Beweis: Sie folgt ihm in den Tod, nicht weil jemand es von ihr verlangt, sondern weil das Leben ohne ihn für sie keinen Sinn mehr hat.

In der nordischen Welt ist Liebe keine süße Dekoration. Sie ist ein Band, das bindet wie ein Eid. Wer liebt, verpflichtet sich – nicht durch Worte allein, sondern durch Taten. Nannas Liebe zu Baldur ist von dieser Art: keine romantische Schwärmerei, sondern eine Verbindung, die so fest ist, dass der Tod sie nicht trennt, sondern nur gemeinsam vollzieht. Wo Baldur hingeht, geht Nanna. Wo Baldur endet, endet sie. Das ist nicht Schwäche. Das ist die härteste Form von Stärke, die eine Bindung annehmen kann.

Baldur und Nanna bilden damit ein Paar, das in der nordischen Mythologie einzigartig ist. Andere Götterpaare – Odin und Frigg, Thor und Sif, Freya und Óðr – sind durch Geschichten der Trennung, des Streits oder der Entfernung gekennzeichnet. Odin wandert und betrügt. Freya sucht den verlorenen Gatten. Thors Ehe ist robust, aber selten im Mittelpunkt. Baldur und Nanna dagegen sind untrennbar. Ihr Band ist so vollkommen, dass es nur ein einziges Mal geprüft wird – durch den Tod. Und selbst diese Prüfung besteht es.

Forseti – Der Sohn, der Recht spricht

Nannas Vermächtnis in der Welt der Lebenden

Nanna und Baldur haben einen Sohn: Forseti. Er ist der Gott der Gerechtigkeit und des Ausgleichs. In seiner Halle Glitnir, die mit Gold gedeckt und auf silbernen Säulen gebaut ist, schlichtet er Streitigkeiten und findet Urteile, denen alle zustimmen können. Forseti ist der Gott, zu dem man geht, wenn kein anderer Rat mehr hilft – der letzte Richter, dessen Spruch als unwiderruflich gilt.

In Forseti verbinden sich die Eigenschaften beider Eltern auf bemerkenswerte Weise. Von Baldur hat er das Licht, die Güte, die Fähigkeit, das Beste in einer Sache zu sehen. Von Nanna hat er etwas anderes: die Tiefe, die aus Leid entsteht. Denn Gerechtigkeit ist kein oberflächliches Geschäft. Wer gerecht urteilen will, muss Schmerz kennen. Wer Streit schlichten will, muss wissen, was Verlust bedeutet. Nanna, die ihren Mann verlor und ihm in den Tod folgte, kennt Schmerz in seiner reinsten Form. Und dieses Wissen lebt in ihrem Sohn weiter.

Forseti ist damit Nannas Vermächtnis in der Welt der Lebenden. Solange er in Glitnir sitzt und Recht spricht, wirkt Nannas Wesen fort – nicht als Trauer, sondern als die Fähigkeit, durch Schmerz hindurch zu Klarheit zu gelangen. Der Sohn einer Mutter, die alles verlor und dennoch nicht zerbrach, wird zum Hüter der Ordnung. Das ist kein Zufall. Es ist die Art, wie die nordische Mythologie Zusammenhänge webt: aus dem tiefsten Verlust wächst das höchste Recht.

Baldurs Tod – Der Bruch, der alles verändert

Wie das Licht erlosch

Baldurs Tod ist das einschneidendste Ereignis der nordischen Mythologie vor Ragnarök. Frigg hatte alle Wesen und Dinge der Welt schwören lassen, Baldur nicht zu schaden. Alles schwor – bis auf den Mistelzweig, der zu klein und unbedeutend erschien. Loki, der List und Zerstörung in sich vereint, nutzte diese Lücke. Er gab dem blinden Gott Höðr einen Mistelzweig und lenkte seinen Wurf. Der Zweig traf Baldur, und Baldur fiel. Tot. Das Licht erlosch.

Für Nanna ist dieser Moment mehr als der Verlust eines Gatten. Er ist der Zusammenbruch der Welt, in der sie lebte. Baldurs Tod bedeutet nicht nur Trauer – er bedeutet, dass die Ordnung, die die Götter für sicher hielten, zerbrochen ist. Wenn selbst Baldur, der von allen Geliebteste, der von allen Geschützte, fallen kann, dann ist nichts mehr sicher. In Nannas Schmerz spiegelt sich der Schmerz der ganzen Götterwelt.

Die Quellen beschreiben die Trauer der Asen als umfassend. Frigg klagt als Mutter, Odin schweigt als Vater, der den Verlust vorhersah und nicht verhindern konnte. Doch Nannas Trauer geht weiter als die aller anderen. Wo die Götter trauern und dann handeln – Hermodr wird nach Hel gesandt, Loki wird gesucht –, dort bricht Nanna zusammen. Nicht aus Schwäche, sondern aus der Vollständigkeit ihrer Bindung. Baldurs Tod ist für Nanna ein Tod, der auch sie betrifft, nicht als Bild, sondern als Wirklichkeit.

Der Scheiterhaufen – Nannas letzter Gang

Hringhorni und das Feuer, das zwei trägt

Baldurs Bestattung ist eine der eindrucksvollsten Szenen der nordischen Überlieferung. Sein Schiff Hringhorni, das größte aller Schiffe, wird als Scheiterhaufen hergerichtet. Die Götter versammeln sich am Strand. Odin legt den Ring Draupnir auf den Holzstoß. Thor weiht das Feuer mit Mjölnir. Riesen kommen, Elfen kommen, Walküren kommen. Es ist ein Begräbnis, das der Welt zeigt, was sie verloren hat.

Und dann geschieht, was die Quellen in wenigen, harten Worten berichten: Nannas Herz bricht vor Kummer. Sie stirbt auf dem Scheiterhaufen, neben Baldurs Leichnam. Manche Versionen erzählen, dass sie sich selbst ins Feuer stürzt. Andere sagen, dass der Schmerz sie tötet, bevor die Flammen sie erreichen. In beiden Fällen ist die Aussage dieselbe: Nanna geht mit Baldur. Nicht weil jemand es befiehlt, nicht weil ein Gesetz es verlangt, sondern weil ihre Bindung so beschaffen ist, dass Trennung undenkbar ist.

Dieses Bild – die Frau, die auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes stirbt – hat in der Geschichte der Deutung viele Lesarten erfahren. Manche sehen darin ein Spiegelbild historischer Praxis, denn in einigen Kulturen der Wikingerzeit wurden Frauen tatsächlich mit ihren Männern bestattet. Andere lesen es rein mythologisch: als Ausdruck einer Liebe, die über den Tod hinausreicht. Wieder andere deuten es als Zeichen dafür, dass Nanna nicht getrennt von Baldur existieren kann – dass sie, wie sein Schatten, nur lebt, solange sein Licht scheint.

Was auch immer die Deutung sein mag: Das Bild ist von einer Wucht, die über die Jahrhunderte trägt. In einer Mythologie, die voller Gewalt und Kampf ist, ist Nannas Tod der stillste und zugleich erschütterndste Moment. Kein Schwert, kein Gift, kein Verrat – nur ein Herz, das bricht, weil es nicht mehr schlagen will, wenn der Grund seines Schlagens fort ist. Das ist keine Schwäche. Das ist Liebe in ihrer absolutesten, unbarmherzigsten Form.

In Hels Reich – Gemeinsam jenseits der Grenze

Nanna und Baldur in der Unterwelt

Hel, die Herrin der Unterwelt, nimmt Baldur und Nanna auf. In ihrem Reich sitzen sie zusammen, nicht in Qual, nicht in Dunkelheit, sondern in einer stillen Würde, die der Unterwelt eigen ist. Hermodr, der von Odin gesandt wird, um Baldur zurückzuholen, findet die beiden dort: Baldur auf dem Ehrenplatz, Nanna an seiner Seite.

Dieses Bild ist tröstlich und grausam zugleich. Tröstlich, weil Nanna erreicht hat, was sie wollte: Sie ist bei Baldur. Der Tod hat sie nicht getrennt, sondern vereint. Was im Leben galt, gilt auch in Hels Reich. Das Band hält. Die Liebe besteht. Grausam, weil diese Vereinigung um den Preis des Lebens erkauft ist und weil Hels Reich kein Ort der Rückkehr ist. Nanna und Baldur sind zusammen, aber sie sind gefangen in einer Ordnung, die sie nicht verlassen können.

Als Hermodr Hel um Baldurs Freilassung bittet, stellt die Totengöttin ihre berühmte Bedingung: Alles, was lebt, muss um Baldur weinen. Nanna gibt Hermodr in diesem Moment Geschenke mit für die Lebenden: ein Leinentuch für Frigg und einen Goldring für Fulla. Diese Geste ist bemerkenswert. Nanna, die Tote, sendet Gaben an die Lebenden. Sie denkt nicht nur an sich und Baldur, sondern an die, die zurückgeblieben sind. Selbst im Tod bleibt sie die Gebende, die Nährende – die Mutter, die ihr Name verspricht.

Die Geschenke sind keine Kleinigkeiten. Ein Leinentuch und ein Ring – beides Dinge von Wert und Bedeutung in der nordischen Welt. Leinen steht für Sorgfalt, für Handwerk, für die Ordnung des Hauses. Ein Ring steht für Verbindung, für Treue, für den Kreislauf, der nicht endet. In diesen Gaben steckt Nannas ganzes Wesen: Sie ordnet, sie verbindet, sie sorgt – selbst von jenseits der Grenze des Todes.

Die Bedingung und das Scheitern

Þökk und die Träne, die ausblieb

Hels Bedingung für Baldurs Rückkehr ist bekannt: Alles Lebende muss um ihn weinen. Die Asen senden Boten in alle Welten, und tatsächlich weint alles – Menschen, Tiere, Steine, Pflanzen. Die ganze Schöpfung trauert um Baldur. Nur eine Gestalt verweigert die Träne: Þökk, eine Riesin in einer Höhle, die viele für Loki in Verkleidung halten.

Damit scheitert die Rettung. Baldur bleibt in Hels Reich. Und mit ihm Nanna. Für Nanna bedeutet dieses Scheitern etwas Doppeltes: Einerseits bleibt sie bei Baldur, was sie ohnehin gewählt hat. Andererseits wird die Möglichkeit der Rückkehr zunichtegemacht – nicht durch ihr eigenes Versagen, sondern durch die Weigerung eines einzigen Wesens. Þökks trockene Augen versiegeln Nannas Schicksal endgültig.

In dieser Szene zeigt sich die ganze Härte der nordischen Weltanschauung. Schicksal ist nicht verhandelbar. Es reicht nicht, dass fast alles weint. Es muss alles weinen. Eine einzige Ausnahme, und die Tür bleibt geschlossen. Für Nanna, die ohnehin gewählt hatte zu sterben, mag das weniger bitter sein als für Frigg, die ihren Sohn verliert. Aber die Endgültigkeit trifft auch Nanna: Die Möglichkeit, wieder ins Licht zu treten, ist unwiderruflich vergangen. Was bleibt, ist die Unterwelt, ist Hels Halle, ist die stille Ewigkeit an Baldurs Seite.

Nanna und Frigg – Zwei Arten der Trauer

Die Mutter und die Gattin

Baldurs Tod trifft zwei Frauen mit besonderer Wucht: Frigg, seine Mutter, und Nanna, seine Frau. Beide trauern, aber ihre Trauer nimmt verschiedene Wege. Frigg handelt. Sie hat versucht, den Tod zu verhindern, indem sie alles schwören ließ. Als der Tod dennoch eintritt, setzt sie die Rettung in Gang: Sie fragt, wer nach Hel reiten will, und Hermodr meldet sich. Frigg kämpft gegen den Verlust mit den Mitteln, die ihr bleiben – Wissen, Einfluss, der Wille, das Schicksal zu biegen.

Nanna handelt nicht. Nanna folgt. Wo Frigg gegen den Tod ankämpft, gibt Nanna sich ihm hin. Nicht aus Resignation, sondern aus einer anderen Art von Stärke. Friggs Stärke ist die der Königin, die Fäden zieht und Boten sendet. Nannas Stärke ist die der Liebenden, die sagt: Wo du bist, bin auch ich. Beide Haltungen sind Ausdruck von Liebe. Aber sie zeigen verschiedene Gesichter derselben Kraft.

In der Mythologie stehen Frigg und Nanna nicht im Widerspruch, sondern ergänzen einander. Frigg ist die Trauer, die nach außen wirkt. Nanna ist die Trauer, die nach innen geht. Frigg schickt Hermodr los, um Baldur zurückzuholen. Nanna schickt Geschenke aus Hels Reich, um die Lebenden zu trösten. Beide Gesten sind Ausdruck derselben Liebe, aber in verschiedenen Sprachen. Frigg spricht die Sprache der Macht. Nanna spricht die Sprache der Gabe.

Dass die Mythologie beiden Frauen Raum gibt, zeigt ein Verständnis von Trauer, das nicht einseitig ist. Es gibt nicht nur eine richtige Art zu trauern. Es gibt die Art, die kämpft, und die Art, die folgt. Es gibt die Art, die die Welt verändert, und die Art, die die Welt verlässt. Frigg und Nanna bilden zusammen ein vollständiges Bild der Trauer – so wie Baldur und Nanna zusammen ein vollständiges Bild der Liebe bilden.

Nanna und Sigyn – Treue in verschiedenen Formen

Die Gattin des Lichts und die Gattin des Feuers

Es lohnt sich, Nanna neben Sigyn zu stellen, denn beide Göttinnen verkörpern eheliche Treue in ihrer reinsten Form – und doch auf völlig verschiedene Weise. Sigyn steht in einer dunklen Höhle und hält eine Schale über Lokis giftbetropftem Gesicht. Nanna liegt auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes. Beide gehen mit ihrem Gatten dorthin, wohin sonst niemand folgen würde. Beide zeigen eine Treue, die über das Zumutbare hinausgeht.

Der Unterschied liegt in der Art des Bleibens. Sigyns Treue ist Ausdauer. Sie hält die Schale, leert sie, hält sie wieder. Ihr Bleiben ist ein endloser Kreislauf, eine Prüfung ohne Ende. Nannas Treue ist Hingabe. Sie folgt Baldur in den Tod – ein einziger, endgültiger Akt, der alles sagt. Sigyn bleibt und leidet. Nanna geht und endet. Beide Formen der Treue sind absolut, aber sie schmecken verschieden: Sigyns Treue schmeckt nach Salz und Arbeit. Nannas Treue schmeckt nach Feuer und Stille.

Bemerkenswert ist auch der Kontext: Sigyn ist treu gegenüber Loki, dem Eidbrecher, dem Verursacher von Leid. Nanna ist treu gegenüber Baldur, dem Unschuldigen, dem Geliebten. Sigyns Treue muss sich gegen den Widerstand der Welt behaupten – die Götter hassen Loki, und Sigyns Wahl, bei ihm zu bleiben, wird von niemandem verstanden. Nannas Treue wird von allen geteilt – jeder trauert um Baldur, jeder versteht Nannas Schmerz. Und doch sind beide Formen gleich gültig, gleich mächtig, gleich tief. Die nordische Mythologie wertet nicht. Sie zeigt.

Nanna in den Quellen

Was Edda und Skaldendichtung überliefern

Die Hauptquelle für Nanna ist die Prosa-Edda Snorri Sturlusons, insbesondere die Gylfaginning, in der Baldurs Tod und Bestattung geschildert werden. Dort erscheint Nanna in der Rolle, die sie definiert: als Frau, die vor Kummer auf dem Scheiterhaufen stirbt. Snorri berichtet dies knapp und ohne Ausschmückung, was typisch für seinen Stil ist – er erzählt, was geschieht, und überlässt die Deutung dem Leser.

In der Lieder-Edda wird Nanna seltener erwähnt. Die Balders Draumar – die Träume Balders – konzentrieren sich auf Baldurs bevorstehendes Schicksal und streifen Nanna nur am Rand. Die Skaldendichtung kennt Nanna vor allem als Element in Kenningar: „Nannas Gatte" für Baldur, „Nannas Sohn" für Forseti. Diese Umschreibungen zeigen, dass Nanna in der Vorstellungswelt der Skalden fest verankert war – als Bezugspunkt, als Achse, um die sich andere Gestalten ordnen.

Eine interessante Parallele findet sich außerhalb der nordischen Welt: In der mesopotamischen Mythologie gibt es eine Figur namens Nanna, die mit dem Mondgott Sin verbunden ist. Ob eine historische Verbindung zwischen den beiden Gestalten besteht, ist umstritten und unter Gelehrten nicht geklärt. Die Namensähnlichkeit mag Zufall sein, oder sie mag auf uralte, gemeinsame Wurzeln verweisen, die sich im Dunkel der Vorgeschichte verlieren. Für die nordische Nanna ändert dies wenig: Ihre Bedeutung liegt in ihrer Geschichte, nicht in ihrer Etymologie.

Snorris Behandlung von Nanna verdient besondere Beachtung. Dass er ihre Rolle bei der Bestattung so klar schildert – ihr Herz bricht vor Kummer, sie wird neben Baldur auf den Scheiterhaufen gelegt –, zeigt, dass diese Episode auch im 13. Jahrhundert als bedeutsam galt. Snorri hätte Nanna weglassen können, wie er viele Nebenfiguren weglässt. Dass er es nicht tut, ist stille Anerkennung: Nannas Tod gehört zu Baldurs Tod, wie der Schatten zum Licht gehört. Man kann das eine nicht erzählen, ohne das andere zu erwähnen.

Die Gaben aus der Unterwelt

Leinentuch und Ring – Zeichen, die die Grenze überbrücken

Als Hermodr in Hels Reich eintrifft und Baldur findet, gibt Nanna ihm Geschenke mit: ein Leinentuch für Frigg und einen Goldring für Fulla, Friggs Dienerin und Vertraute. Diese Episode ist in der Prosa-Edda kurz erzählt, aber ihre Bedeutung ist groß. Denn Nanna sendet nicht einfach Gegenstände. Sie sendet Zeichen.

Das Leinentuch – in der nordischen Welt ein Gegenstand, der zum Haushalt gehört, zum Weben, zum Ordnen des Alltags – ist eine Botschaft an Frigg: Ich bin noch da. Ich sorge noch. Selbst in der Unterwelt bin ich die, die ich war. Das Leinentuch verbindet die Welt der Lebenden mit der Welt der Toten. Es ist ein Faden, der durch die Grenze hindurchreicht, ein Zeichen dafür, dass die Ordnung des Hauses nicht mit dem Tod endet.

Der Goldring für Fulla ist ebenso bedeutsam. Ringe sind in der nordischen Welt Symbole der Verbindung und des Reichtums. Odin selbst hat den Ring Draupnir auf Baldurs Scheiterhaufen gelegt – und nun sendet Baldur ihn über Hermodr zurück an Odin. Nannas Ring an Fulla steht in dieser Tradition: Er ist eine Gabe, die sagt, dass auch im Tod noch gegeben wird, dass die Beziehungen der Lebenden nicht mit dem Übergang in die Unterwelt enden, sondern weiterwirken.

In diesen Gaben zeigt sich Nanna als das, was ihr Name verspricht: Mutter, Gebende, Nährende. Sie ist in Hels Reich nicht nur die Trauernde, die Baldur folgte. Sie ist die Aktive, die handelt, die ordnet, die sorgt. Die Unterwelt hat sie nicht gebrochen. Sie hat sie nur verlagert – von Asgards Hallen in Hels dunkle Kammern. Aber Nannas Wesen bleibt. Die Mutter in ihr stirbt nicht, auch wenn der Körper gestorben ist.

Nanna und die Frage nach dem freien Willen

Wahl, Schicksal und die Grenze dazwischen

Eine der drängendsten Fragen, die Nannas Geschichte aufwirft, ist die nach dem freien Willen. Stirbt Nanna, weil sie es will? Oder stirbt sie, weil das Schicksal es so bestimmt hat? In der nordischen Welt, in der die Nornen den Faden des Lebens weben und das Schicksal als unausweichlich gilt, ist diese Frage nicht leicht zu beantworten.

Die Art, wie die Quellen Nannas Tod schildern – „ihr Herz brach vor Kummer" –, lässt beide Deutungen zu. Einerseits klingt es wie ein physisches Geschehen, etwas, das ihr widerfährt, nicht etwas, das sie tut. Andererseits ist Kummer eine Reaktion auf Verlust, und Nannas Kummer ist so groß, dass er sie tötet – was bedeutet, dass ihre Liebe so stark ist, dass sie den Tod herbeiführt. Ist das Wahl oder Schicksal? Oder beides zugleich?

In der nordischen Weltanschauung ist diese Unterscheidung weniger scharf als in der modernen Denkweise. Schicksal und Wahl sind dort keine Gegensätze, sondern Ebenen derselben Wirklichkeit. Man kann sein Schicksal nicht ändern, aber man kann es annehmen – und in der Art des Annehmens liegt die eigentliche Freiheit. Nanna nimmt ihr Schicksal an, indem sie es vollzieht. Sie wartet nicht, bis der Kummer sie langsam verzehrt. Sie geht auf den Scheiterhaufen, während das Feuer noch brennt. In dieser Entschiedenheit liegt eine Freiheit, die größer ist als die Illusion, dem Schicksal entfliehen zu können.

So wird Nannas Tod zu einem Akt, der zugleich Schicksal und Wahl ist: bestimmt durch die Tiefe ihrer Liebe, vollzogen durch die Stärke ihres Willens. Die Nornen haben den Faden gesponnen. Aber Nanna hat ihn durchschnitten – auf ihre Weise, zu ihrem Zeitpunkt, mit der Würde, die ihr Wesen ausmacht. Das ist die nordische Freiheit: nicht die Freiheit, dem Schicksal zu entgehen, sondern die Freiheit, ihm aufrecht zu begegnen.

Nach Ragnarök – Rückkehr ins Licht

Wenn Baldur wiederkehrt, kehrt auch Nanna

Die Völuspá und andere Quellen berichten, dass Baldur nach Ragnarök aus Hels Reich zurückkehrt. In der neuen Welt, die grün und fruchtbar aus dem Meer aufsteigt, ist Baldur wieder da – nicht mehr als Schatten in der Unterwelt, sondern als lebendiger Gott, der das Licht in die erneuerte Ordnung bringt. Neben ihm stehen Vidar, Vali, Magni und Modi und Hönir.

Über Nannas Rückkehr schweigen die Quellen ausdrücklich. Doch die Logik der Mythologie legt nahe, dass, wenn Baldur wiederkehrt, auch Nanna an seiner Seite ist. Sie folgte ihm in den Tod. Es wäre undenkbar, dass sie nicht mit ihm in das Leben zurückkehrt. Die Mythologie hat gezeigt, dass Nannas Band zu Baldur stärker ist als die Grenze zwischen Leben und Tod. Warum sollte diese Grenze in der neuen Welt plötzlich stärker sein als zuvor?

Wenn Nanna tatsächlich mit Baldur zurückkehrt, dann vollendet sich ihr Schicksal in einem großen Bogen: Leben in Asgard, Tod auf dem Scheiterhaufen, Zeit in Hels Reich, Rückkehr ins Licht. Es ist ein Kreis, der sich schließt – und zugleich ein neuer Anfang. Nanna, die Mutter, die Wagemutige, die Gebende, kehrt in eine Welt zurück, die gereinigt ist von den Fehlern der alten. Kein Loki mehr, der Verrat säht. Kein Mistelzweig mehr, der trifft. Nur das Licht, das wieder scheint, und die Frau, die neben dem Licht steht, wie sie es immer getan hat.

Die Stille als Stärke

Was Nannas Schweigen über die Mythologie verrät

Nanna spricht in den Quellen kaum. Sie hat keine Reden, keine Dialoge, keine Streitgespräche. Wo andere Göttinnen ihre Stimme erheben – Frigg warnt, Freya fordert, Skuld schneidet – schweigt Nanna. Und doch ist ihr Schweigen nicht Leere, sondern Fülle. In einer Mythologie, die so viel redet – Lokasenna ist ein einziges Streitgespräch, Grimnismal eine einzige Rede, Vafthrudnismal ein einziger Dialog –, ist Nannas Schweigen wie ein Atemholen zwischen den Worten.

Dieses Schweigen hat verschiedene Ebenen. Auf der Oberfläche ist es einfach die Quellenlage: Es gibt keine Texte, in denen Nanna spricht, also schweigt sie. Doch unter dieser Oberfläche liegt eine tiefere Schicht. Nanna schweigt, weil ihre Taten sprechen. Ihr Tod auf dem Scheiterhaufen braucht keine Worte. Ihre Gaben an Hermodr brauchen keine Erklärung. Ihr Bleiben an Baldurs Seite in Hels Reich braucht keinen Kommentar. Die Handlung ist der Text, und der Text ist vollständig.

In der nordischen Kultur gibt es eine hohe Achtung vor dem Schweigen. Wer viel redet, gilt nicht unbedingt als weise. Wer schweigt und handelt, verdient Respekt. Odin selbst, der Meister der Worte und Runen, weiß, wann Schweigen klüger ist als Rede. Nanna steht in dieser Tradition. Sie ist die Göttin, die nicht spricht, weil alles, was sie sagen könnte, bereits in ihrem Handeln enthalten ist. Ihre Stille ist nicht Abwesenheit von Bedeutung. Sie ist die höchste Verdichtung von Bedeutung.

So wird Nanna zu einer Gestalt, die das Wesen der nordischen Mythologie selbst verkörpert: eine Erzählung, die mehr zeigt als erklärt, die mehr andeutet als ausführt, die in wenigen Bildern ganze Welten eröffnet. Nannas Geschichte passt auf wenige Zeilen. Aber in diesen wenigen Zeilen liegt eine Tiefe, die umso stärker wirkt, je weniger Worte sie verwendet. Das ist die Kunst des Mythos: nicht alles zu sagen, aber alles zu meinen.

Bereit?

Nanna ist die, die folgt, wo andere zurückbleiben. Die, die gibt, wo andere nehmen. Die, die schweigt, wo andere reden. Ihr Herz bricht, und in diesem Brechen liegt mehr Stärke als in jedem Hammerschlag. Denn manchmal ist das Schwierigste nicht, zu kämpfen, sondern zu lieben – ohne Vorbehalt, ohne Grenze, bis zum Ende und darüber hinaus.

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