Ein Name, der nach Bewegung klingt
Der Eilige, der Entschlossene
Hermodr (oder Hermóðr) erscheint in der Überlieferung nicht als Gott eines festen Bereichs, nicht als Hüter einer
einzelnen Sache, sondern als Gestalt der Bewegung. Sein Wesen zeigt sich im Gang, im Ritt, im
Überqueren von Strecken, die andere nicht betreten. In der nordischen Welt ist Bewegung kein bloßes
Weitergehen, sondern ein Wagnis: Wer sich vom Hof entfernt, verlässt Schutz und Ordnung. Über Berge,
durch Wälder, über Wasser – jeder Weg trägt die Möglichkeit, dass er endet. Hermodr ist darum nicht
nur ein Name, sondern eine Haltung. Er steht für Entschlusskraft dort, wo Zögern den Verlust nur
festschreibt.
Viele große Gestalten gewinnen ihren Rang im Kampf oder durch Wissen, doch Hermodr gewinnt seinen
Rang durch das Annehmen einer Aufgabe. In einer Welt, in der Worte bindend sein können und in der
Eide wie Ketten wirken, ist das freiwillige Annehmen eines schweren Weges selbst eine Art Eid.
Hermodr ist nicht der, der lange berät. Er ist der, der aufbricht, sobald klar wird, dass nur
Aufbruch noch etwas verändern kann.
Gerade weil er nicht in vielen Geschichten breit entfaltet wird, wirkt sein Auftreten umso
konzentrierter. Wenn Hermodr genannt wird, dann nicht als Schmuck am Rand, sondern als Träger einer
entscheidenden Bewegung: hinab, über eine Grenze, in ein Reich, das sonst nur die Toten kennen. Sein
Ruhm ist nicht das Glänzen einer Waffe, sondern die Härte eines Ritts.
Der Schatten über Asgard
Baldrs Tod als Riss im Gefüge
Hermodrs Weg ist untrennbar mit dem Tod Baldrs verbunden. Baldr steht in den Erzählungen als der
Leuchtende, der Geliebte, der, dem man kein böses Wort gönnt. Sein Tod ist darum nicht einfach das
Sterben eines Einzelnen, sondern ein Zeichen, dass selbst im Kreis der Götter etwas zerbrechen kann,
das bisher als sicher galt. Die Quellen schildern die Trauer als umfassend: Nicht nur eine Mutter
klagt, nicht nur ein Vater verstummt, sondern Asgard selbst verliert einen Ton, der nicht ersetzt
werden kann.
In dieser Trauer liegt zugleich Ratlosigkeit. Denn gegen wen richtet man den Zorn, wenn die Tat nicht
wie ein offener Angriff geschieht? Der Tod Baldrs ist von List und Verkettung begleitet. Vieles hängt
an einem unscheinbaren Ding, an einem Moment, an einem Lachen, das kippt. Was bleibt, ist der
unwiderrufliche Sturz: Baldr ist nicht mehr in den Hallen der Lebenden. Er ist fort, hinab, ins Reich
der Hel.
Die Asen kennen Tod. Sie kennen Schlacht und Verlust. Doch Baldrs Tod trifft sie anders, weil er nicht
als Preis eines Kampfes erscheint, sondern als Bruch einer Ordnung, die man für stabil hielt. Dieser
Bruch verlangt nicht nur Rache, sondern Antwort. Und Antwort kann in diesem Fall nur aus einem Ort
kommen, den man nicht mit Heer und Hammer erzwingen kann: aus der Unterwelt selbst.
Warum Hermodr gesandt wird
Odin, Frigg und die Wahl des Boten
Wenn Odin sendet, sendet er nicht leichtfertig. Der Allvater ist in der Dichtung der, der vieles
sieht, der vieles versucht, der Wissen mit Wunden bezahlt. Dass er Hermodr wählt, zeigt, dass dieser
nicht nur eilig ist, sondern verlässlich. In einer Aufgabe, die nicht im offenen Feld entschieden
wird, zählt nicht bloß Stärke. Es zählt Standhaftigkeit, die Fähigkeit, durch Dunkelheit zu gehen,
ohne den Sinn zu verlieren.
Frigg, Baldrs Mutter, ist in der Trauer eine Gestalt, die den Schmerz nicht verbirgt. Ihre Klage ist
nicht klein, und in ihr steckt ein Wille, der nicht nachlässt. Doch die Unterwelt lässt sich nicht
durch Klage öffnen. Man braucht einen, der den Weg wirklich geht. Hermodr tritt damit in ein
Spannungsfeld zwischen göttlicher Macht und göttlicher Ohnmacht: Sie können vieles, aber sie können
nicht einfach befehlen, dass Hel das Opfer freigibt.
Hermodr wird zum Werkzeug einer Hoffnung, die zugleich weiß, wie unwahrscheinlich ihr Ziel ist.
Gerade deshalb ist sein Gang nicht klein. Er ist der Versuch, dem Tod Regeln entgegenzuhalten. Nicht
Regeln, die die Asen setzen, sondern Regeln, die Hel selbst anerkennt. Hermodr ist Bote, aber er ist
auch Unterhändler – nicht im Sinne eines Handelns, sondern im Sinne eines Sprechens an der Grenze.
Sleipnir, das Pferd der Grenzgänge
Acht Beine für einen unmöglichen Weg
Hermodr reitet Sleipnir, Odins Pferd. Sleipnir ist in den Geschichten nicht einfach schneller als
andere Pferde; er ist anders. Acht Beine bedeuten nicht nur Tempo, sondern Halt auf Wegen, die keinen
gewöhnlichen Grund haben. Sleipnir trägt seinen Reiter über Bereiche, die sich entziehen: durch
Nächte, durch Tiefe, an Orte, die sonst nur die Schatten erreichen.
Dass Odin Sleipnir für diesen Ritt gibt, ist eine Gabe von hohem Rang. Odin gibt nicht nur ein Tier,
sondern einen Schlüssel zu einem Bereich, der verschlossen ist. Sleipnir ist wie ein Zeichen: Der
Weg nach Hel ist zwar möglich, aber nicht mit gewöhnlichen Mitteln. Man kann Hel nicht zu Fuß
erreichen wie einen Nachbarhof. Man braucht ein Wesen, das selbst zwischen den Sphären steht.
Hermodr sitzt damit nicht auf einem Herrschaftssymbol, sondern auf einem Grenzwerkzeug. Sleipnir ist
kein Prunk, sondern Notwendigkeit. Im Ritt zeigt sich Hermodrs Aufgabe als etwas, das nicht durch
eigene Kraft allein getragen wird. Er ist mutig, doch Mut braucht in dieser Welt einen Träger. Der
Träger ist Sleipnir, und Sleipnirs Herkunft und Nähe zu Odin geben dem Gang eine Schwere, die über
den Einzelnen hinausweist.
Neun Nächte hinab
Der Weg durch die dunklen Täler
Hermodr reitet neun Nächte. Die Erzählung betont diese Dauer, als müsse der Hörer verstehen, dass
der Weg nicht in einem Atemzug getan ist. Neun ist eine Zahl, die in der nordischen Welt immer
wiederkehrt, und sie trägt das Gewicht einer vollendeten Prüfung. Neun Nächte sind nicht bloß Zeit,
sondern eine Reihe von Schwellen, die man nacheinander überschreiten muss.
Der Weg führt durch Täler, die dunkel und tief sind. Das ist kein schmückendes Bild, sondern eine
Art Raumgefühl: Man geht nicht einfach unter die Erde wie in einen Keller. Man fährt hinab in eine
Landschaft, die als Gegenwelt beschrieben wird. Je weiter Hermodr reitet, desto weniger gilt das
Licht der Lebenden. Geräusche werden seltener, Zeichen verschwinden. Der Ritt ist ein Abschälen der
gewohnten Ordnung.
In solchen Bildern wird deutlich, dass der Gang nach Hel nicht nur eine Strecke ist, sondern eine
Verwandlung. Hermodr bleibt lebendig, aber er betritt einen Raum, der dem Leben fremd ist. Das
verlangt mehr als Ausdauer. Es verlangt eine innere Festigkeit, die nicht von Beifall lebt. Denn
niemand jubelt auf diesem Weg. Niemand sieht ihn. Und doch reitet er weiter, Nacht um Nacht, bis die
Grenze sichtbar wird.
Gjallarbrú und Móðguðr
Die Brücke, die nicht täuscht
Am Ende des Ritts steht Gjallarbrú, die Brücke über den Fluss, der die Grenze zur Unterwelt markiert.
Brücken sind in den Mythen nie nur Bauwerke. Sie sind Zeichen für Übergänge, für Orte, an denen
Entscheidung fällt. Wer eine Brücke betritt, lässt etwas hinter sich und betritt etwas anderes. Hier
ist diese Wahrheit scharf: Jenseits der Gjallarbrú liegt das Reich der Hel.
Móðguðr bewacht die Brücke. Ihre Rolle ist klar: Sie ist die Stimme der Grenze. Sie fragt nach Name
und Grund. Diese Frage ist nicht bloße Neugier, sondern Regel. In der Unterwelt zählt nicht, wie
laut man ist, sondern ob man sich ausweisen kann. Hermodr nennt seinen Namen und nennt Baldr. Damit
macht er den Sinn seiner Reise deutlich: Er kommt nicht als Räuber, sondern als Bote, nicht als
Störer, sondern als Bittender.
Bemerkenswert ist, dass Hermodr nicht gegen die Wächterin kämpft. Es gibt keinen Schlag, keinen
Aufruhr. Die Grenze wird durch Sprache verhandelt. Das zeigt, wie anders die Unterwelt geordnet ist.
Dort gelten nicht die Regeln des Thing und nicht die Regeln des Krieges. Dort gelten eigene Regeln,
und wer sie achtet, kann weitergehen. Móðguðr lässt Hermodr passieren, und damit öffnet sich der Weg
in ein Reich, das sonst verschlossen bleibt.
Hels Reich
Keine wütende Wildnis, sondern strenge Ordnung
Hel ist nicht bloß ein dunkles Loch. Die Erzählung spricht von Halle und Sitzplätzen, von einer
Herrin, die empfängt und entscheidet. Hels Reich wirkt dadurch weniger wie ein Sturm und mehr wie
ein Hof, allerdings ein Hof ohne Freude, ohne warmen Klang. Es ist ein Ort, an dem Dinge enden und
zugleich geordnet werden. Gerade diese Ordnung macht die Unterwelt so unnachgiebig: Was dort
festgelegt ist, lässt sich nicht leicht lösen.
Hermodr betritt die Halle und findet Baldr dort. Baldr sitzt an einem Ehrenplatz. Dieses Bild ist
tröstlich und grausam zugleich. Tröstlich, weil Baldr nicht erniedrigt ist; grausam, weil seine
Würde nichts daran ändert, dass er fort ist. In der Unterwelt bleibt Rang bestehen, doch Rang
bedeutet nicht Rückkehr. Baldr ist geehrt, aber er ist gebunden.
Hermodr bleibt nicht nur einen Augenblick. Er verbringt eine Nacht in Hels Halle. Auch das ist
bedeutsam: Er ist Gast, wie man an anderen fremden Höfen Gast sein kann. Doch diese Gastfreundschaft
ist nicht freundlich. Sie ist ein Teil der Ordnung. Hel nimmt den Boten auf, hört ihn an, lässt ihn
sprechen. Sie tut dies nicht aus Weichheit, sondern weil sie Herrin ist und Herrschaft sich auch im
Gewähren von Rede zeigt.
Die Bitte um Baldr
Worte statt Waffen
Hermodr bittet Hel, Baldr ziehen zu lassen. Diese Bitte ist der Kern seiner Geschichte. Er kommt
nicht mit Forderung, nicht mit Drohung. Er weiß, dass Drohung in diesem Reich leer wäre. Denn Hel
ist dort, wo Drohung endet. Wer schon tot ist, fürchtet keine Klinge. Wer Herrin der Toten ist,
erschrickt nicht vor dem Lärm der Lebenden. Hermodr muss daher anders sprechen: mit Achtung, mit
Ernst, mit dem Gewicht der Trauer, die ihn sendet.
In seiner Bitte steckt auch die Anerkennung einer Macht, die neben der Macht der Asen steht. Hel ist
nicht eine Dienerin, die man beiseiteschieben kann. Sie ist eine Herrin, und ihr Reich ist ein
Reich, das sich nicht auflösen lässt. Hermodr ist damit ein Bote, der zugleich Demut zeigt. Diese
Demut ist nicht Unterwerfung, sondern Einsicht. Sie ist das Wissen, dass man das Ziel nur erreichen
kann, wenn man die Regeln des Ortes annimmt.
Dass Hel überhaupt eine Bedingung stellt, ist bereits ein Zeichen, dass Hermodrs Gang Wirkung hat.
Wäre seine Bitte bedeutungslos, würde Hel ihn einfach abweisen. Stattdessen spricht sie eine Regel
aus, die die Tür einen Spalt öffnet – und zugleich fast unüberwindbar macht. Hermodr trägt diese
Regel zurück wie ein schweres Stück Eisen: Hoffnung, die schneidet.
Die Bedingung: Tränen der ganzen Welt
Wenn alles weinen muss, damit einer zurückkehrt
Hel sagt: Baldr darf zurückkehren, wenn alles, was lebt, um ihn weint. Diese Bedingung ist so groß,
dass sie wie eine Prüfung der Welt selbst wirkt. Nicht ein Held muss sich beweisen, nicht ein
einzelner Gott. Die Gesamtheit muss zeigen, dass Baldr ihr wirklich fehlt. Die Trauer wird zum Maß.
In dieser Regel liegt eine tiefe Schärfe. Denn Tränen lassen sich nicht wie Münzen zählen und nicht
wie Opfergaben ablegen. Tränen sind Ausdruck einer Einheit, die nicht erzwungen werden kann. Alles
soll weinen: Menschen, Tiere, Dinge der Erde. Die Welt muss sich in einem einzigen Gefühl
zusammenfinden. Damit wird Baldrs Rückkehr an etwas geknüpft, das selten dauerhaft gelingt: an
ungeteilte Zustimmung.
Hermodr nimmt die Bedingung an, ohne zu feilschen. Er ist nicht der, der bessere Bedingungen sucht.
Er ist der, der die Bedingung trägt. In diesem Tragen zeigt sich sein Charakter. Er weiß, wie schwer
es sein wird, und doch bringt er die Hoffnung heim. Denn solange eine Bedingung genannt ist, ist die
Tür nicht ganz geschlossen. Hermodr verwandelt das absolute Ende in eine Aufgabe, so bitter sie ist.
Die Götter senden daraufhin Boten in alle Bereiche. Alles weint. Die Erzählung betont diese
Universalität, um zu zeigen, wie sehr Baldr geliebt ist und wie weit seine Bedeutung reicht. Selbst
Dinge der Erde, die nicht sprechen, werden als weinend gedacht. Das ist nicht bloße Ausschmückung,
sondern Aussage: Baldrs Tod betrifft nicht nur Asgard, sondern die ganze Ordnung der Welt.
Das Scheitern an einer einzigen Weigerung
Þökk und die Unmöglichkeit der vollkommenen Einigkeit
Trotz der umfassenden Tränen gibt es eine Weigerung. Eine Gestalt, oft Þökk genannt, verweigert das
Weinen. Sie spricht, dass Baldr Hel behalten soll, dass sie keinen Nutzen von ihm hatte, und dass er
dort bleiben möge. Damit ist die Bedingung nicht erfüllt, und Baldr bleibt in Hels Reich.
In dieser einen Weigerung liegt eine bittere Wahrheit: Die Welt ist selten vollständig einig. Selbst
im größten Verlust findet sich eine Stimme, die nicht mitgeht. Ob man diese Weigerung als Ausdruck
von Feindschaft, als Maskierung Lokis oder als kalte Gegenstimme versteht, ändert nichts am Ergebnis.
Hel hat eine Regel gestellt, und die Regel ist streng. Sie nimmt keine fast erfüllte Bedingung an.
Entweder alles weint, oder Baldr bleibt.
Hermodr trägt damit nicht nur Hoffnung, sondern auch die Erfahrung des Scheiterns. Seine Aufgabe war
nicht, die Weigernde zu zwingen. Seine Aufgabe war, die Bedingung zu bringen. Er hat getan, was
getan werden konnte. Das Scheitern liegt nicht in mangelnder Tapferkeit, sondern in der Struktur der
Welt. Hermodrs Geschichte wird dadurch nicht kleiner, sondern tragischer. Denn sie zeigt, wie nahe
Rettung sein kann – und wie leicht sie doch entgleitet.
Baldr bleibt in Hel, und damit bleibt auch der Riss in Asgard. Hermodr kehrt zurück, aber er kehrt
nicht als Sieger zurück. Er kehrt als Zeuge zurück: Zeuge der Unterwelt, Zeuge der Regel, Zeuge der
Grenze, die nicht überwunden wurde. Solche Zeugen tragen eine Last, die nicht glänzt, aber bleibt.
Hermodr als Grenzgänger
Der Lebende, der den Totenraum betritt
In den Mythen ist es selten, dass ein Lebender die Unterwelt betritt und zurückkehrt. Grenzgänge
sind gefährlich, weil sie das Gefüge berühren, das Leben und Tod trennt. Hermodr ist darum eine
besondere Figur: Er ist nicht nur Bote zwischen Höfen, sondern Bote zwischen Zuständen. Er hat
gesehen, wie Hel herrscht. Er hat Baldr in der Unterwelt gesehen. Er hat die Brücke überquert, die
für viele endgültig ist.
Diese Erfahrung macht ihn zu einer Gestalt, die zugleich nah und fern ist. Nah, weil er als Sohn
Odins zum inneren Kreis gehört. Fern, weil er etwas kennt, das die meisten nicht kennen: die Ordnung
der Unterwelt aus eigenem Blick. Hermodr wird dadurch zu einer stillen Erinnerung daran, dass es
Grenzen gibt, die nicht durch Mut allein aufgehoben werden. Man kann sie betreten, man kann mit den
Mächten sprechen, aber man kann sie nicht einfach beseitigen.
Sein Grenzgang ist nicht wie eine Reise zu einem Riesen, die man mit List oder Stärke besteht. Er ist
eher wie eine Begegnung mit einem Gesetz. Hel ist Gesetz in Gestalt. Gjallarbrú ist Gesetz als
Bauwerk. Móðguðr ist Gesetz als Stimme. Hermodr bewegt sich in diesem Gefüge nicht als Zerstörer,
sondern als jemand, der die Form akzeptiert, um überhaupt handeln zu können.
Dadurch steht Hermodr auch als Gegenbild zu jenen, die Grenzen mit Gewalt brechen. Seine Geschichte
zeigt eine andere Art von Tapferkeit: die Tapferkeit, sich dem Unabwendbaren zu nähern, ohne sich
selbst zu verlieren. Wer in die Unterwelt geht, könnte dort bleiben. Hermodr bleibt nicht. Er
kehrt zurück, weil sein Auftrag ihn bindet. Dieses Zurückkehren ist Teil seiner Größe.
Bezüge zu Figuren, Orten und Dingen
Odin, Frigg, Baldr, Hel – ein Geflecht aus Notwendigkeit
Hermodrs Geschichte steht nicht für sich. Sie ist ein Knoten in einem größeren Geflecht. Odin ist
der Sender, und in seiner Rolle als Vater und als Herr der Wege steckt ein doppelter Schmerz: Er
verliert einen Sohn, und er erkennt zugleich, dass selbst er den Tod nicht befehlen kann. Frigg ist
die Trauer, die nach Rettung greift. Baldr ist das Verlorene, dessen Wesen die ganze Welt zu Tränen
bringen kann. Hel ist die Herrin, die die Grenze hütet und eine Bedingung stellt, die die Welt
prüfen muss.
Dazu kommen Orte, die wie Pfeiler der Erzählung stehen: Asgard als Raum der Lebenden und der
Götterordnung; die dunklen Täler als Weg, der die gewohnte Welt ausdünnt; Gjallarbrú als sichtbare
Schwelle; Hels Halle als Sitz der endgültigen Entscheidung. Und dazu kommen Dinge, die nicht bloß
Gegenstände sind, sondern Träger von Sinn: Sleipnir als Brücke in Tiergestalt; der Name Baldr als
Ruf, der selbst im Totenreich Gewicht hat; die Träne als Maß, das nicht mit dem Schwert zu erzwingen
ist.
Auch die Weigerung einer Einzelnen wird zu einem eigenen „Ding“ in dieser Struktur. Sie ist wie ein
Knoten im Gewebe, der verhindert, dass die Fäden wieder glatt werden. In der nordischen Welt sind
Knoten nicht nur in Netzen, sondern auch im Schicksal. Hermodrs Gang zeigt, wie ein Schicksalsknoten
nicht durch Kraft gelöst wird, sondern manchmal nur enger zieht, je näher man an die Lösung kommt.
So wird Hermodr zu einer Figur, die weniger durch viele Taten glänzt als durch eine Tat, die alles
berührt. Seine Reise verbindet Familie und Weltordnung, Liebe und Gesetz, Hoffnung und Endgültigkeit.
Wer Hermodr nennt, nennt damit zugleich Baldrs Tod, Hels Macht und die Grenzen der Asen.
Hermodr und das Vorzeichen des Endes
Baldrs Bindung als Zeichen für Ragnarök
Baldrs Tod gilt in der Überlieferung als Vorzeichen einer größeren Katastrophe, die am Ende die
Weltordnung erschüttert. Wenn Baldr nicht zurückkehrt, bleibt ein Mangel bestehen, der nicht geheilt
ist. Hermodrs Gang macht diesen Mangel sichtbar, weil er zeigt, dass selbst das direkte Sprechen mit
Hel den Tod nicht einfach zurücknimmt.
Das bedeutet nicht, dass Hermodr das Ende herbeiführt. Doch seine Geschichte legt offen, dass es
Regeln gibt, die stärker sind als Wunsch. Das ist in einer Welt, die auf Kampf und Mut baut, eine
harte Einsicht. Ragnarök ist nicht nur eine Schlacht, sondern ein Zusammenbruch von Bindungen. Der
Versuch, Baldr zurückzuholen, scheitert an einer einzigen Weigerung. Das lässt ahnen, wie fragil
Einigkeit ist – und wie leicht die Welt aus dem Gleichgewicht gerät.
Hermodr bleibt in dieser Perspektive eine Gestalt des Übergangs. Er ist nicht der, der Ragnarök
verhindert, aber er ist einer derjenigen, die die Grenzen dessen zeigen, was verhindert werden kann.
Seine Reise ist wie ein Blick in die Tiefe der Ordnung: Dort, wo man glaubt, noch handeln zu können,
herrscht bereits ein Gesetz, das sich nicht beugt. Dieses Wissen ist dunkel, aber es ist wahrhaftig.
Die Größe des Unvollendeten
Warum Hermodrs Ruhm ohne Sieg besteht
Hermodr ist kein Held des Sieges. Und doch bleibt er in der Erinnerung. Das liegt daran, dass seine
Tat nicht an Erfolg gemessen wird, sondern an der Schwere des Versuchs. In den Mythen ist es oft
leicht, Mut zu bewundern, wenn er gewinnt. Schwerer ist es, Mut zu erkennen, wenn er scheitert und
dennoch notwendig war. Hermodr scheitert nicht aus Schwäche, sondern weil die Bedingung Hels nicht
erfüllt wird. Seine Tapferkeit liegt darin, dass er den Weg trotzdem geht.
Er betritt das Reich der Toten nicht, um Ruhm zu holen, sondern um einen Geliebten zurückzubringen.
Er macht sich zum Träger eines gemeinsamen Wunsches. Er nimmt die Dunkelheit auf sich, damit andere
überhaupt eine Möglichkeit haben. Das ist eine andere Art von Heldentum als die des Schlachtfelds.
Sie ist stiller, aber nicht geringer.
Auch in der Form der Erzählung spiegelt sich diese Stille. Hermodr hält keine langen Reden, er
entfacht keinen Streit, er schwingt nicht den Hammer. Er reitet, fragt, bittet, hört, trägt zurück.
Die Handlung ist einfach, und gerade darin liegt ihre Härte. Wer etwas Unmögliches versucht, kann
keine Zierde gebrauchen. Er braucht einen klaren Schritt nach dem anderen.
So wird Hermodr zu einer Gestalt, an der die nordische Mythologie zeigt, dass Grenzen nicht nur
durch Gewalt definiert sind, sondern auch durch Gesetz und Einverständnis. Der Tod wird nicht als
Feind geschildert, den man erschlagen kann, sondern als Ordnung, die man nur unter Bedingungen
berühren kann. Hermodr berührt sie – und kehrt zurück, ohne sie zu brechen.
Bereit?
Hermodr steht für den schwersten Ritt: den Gang in die Unterwelt ohne die Hoffnung auf sicheren Sieg.
Er bringt nicht Baldr zurück, doch er bringt etwas anderes: die Gewissheit, dass selbst die Götter
an Grenzen stoßen – und dass Hoffnung manchmal darin besteht, den Weg trotzdem zu gehen.
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