Ein Gott, der selten genannt wird – und gerade darum wirkt
Die merkwürdige Stelle im Geflecht der Überlieferung
Lóðurr, bzw. Lodur ist eine Figur, die sich in der nordischen Mythologie wie eine Glut unter Asche verhält: Man sieht sie kaum,
doch wer sie berührt, spürt Hitze. Das hat einen einfachen Grund. In den erhaltenen Eddaliedern tritt sein Name
im eigentlichen Sinn nur einmal deutlich hervor – in der Völuspá, dort, wo die Seherin
von der Erschaffung der ersten Menschen spricht. Dieser eine Auftritt ist kurz, aber er steht an einer Stelle,
an der die Weltordnung nicht bloß beschrieben, sondern gesetzt wird. Denn die Erschaffung von Askr und Embla ist kein
Randereignis: Sie markiert den Moment, in dem das Menschenlos überhaupt anfängt, eine Bahn zu bekommen. Wer in dieser
Szene genannt wird, gehört nicht zu beliebigen Gestalten, sondern zu den Kräften, die Ursprung verleihen.
Gerade weil Lodur sonst so selten im Lied und in der Sage erscheint, ist jede Deutung gezwungen, den Blick zu schärfen:
Was bedeutet es, wenn ein Gott nicht mit langen Abenteuern, Listen, Kämpfen oder Reisen belegt ist, sondern nur mit einer
Gabe im Augenblick des Anfangs? Es bedeutet vor allem, dass seine Wirkung nicht über Taten im Lauf der Zeit,
sondern über einen Einsatz im Grund gelegt wird. Manche Götter glänzen im Fortgang der Geschichte, andere im Anfang,
und wieder andere am Ende. Lodur gehört, soweit die Quellen reichen, zu denjenigen, die am Anfang anrühren.
Warum die Stille selbst eine Aussage ist
In den nordischen Überlieferungen ist Schweigen nie leer. Die Lieder und Sagen sind keine vollständigen Chroniken,
sondern ausgewählte Erinnerungen. Was fehlt, fehlt nicht zufällig, sondern weil es nicht mehr erzählt wurde, nicht mehr
gewusst wurde, oder weil es in anderen Kreisen lebte, die nicht in der überlieferten Schrift aufgefangen sind.
Lodur wird so zum Prüfstein: Er zeigt, wie brüchig und zugleich kostbar die Tradition ist. Er ist ein Name, der die
Frage erzwingt, wie viel vom Götterbild bereits vor der Aufzeichnung verloren war, und wie viel nur in Andeutung
weiterlebt – in Formeln, in Triaden, in knappen Versen.
Ein kurzer Auftritt an der Schwelle des Menschseins
Der Ort seines Auftretens ist entscheidend. Lodur steht nicht am Rand, nicht im Nebensatz, sondern am Moment, da die
beiden ersten Menschen noch fast nichts sind: Holz, das auf der Küste liegt; Form ohne Atem; Gestalt ohne Geschick.
Genau dort wird er genannt. Und er ist nicht nur dabei, er gibt: „lá“ und „litu góða“ – zwei Gaben, die nicht leicht
zu übersetzen sind, aber in jeder Übersetzung nahelegen, dass Lodur dem Menschen Leiblichkeit und sichtbare Erscheinung
schenkt. Das ist kein kleines Geschenk. Es ist das, was einen Körper nicht nur stehen lässt, sondern ihn lebendig und
wahrnehmbar macht.
Die Schöpfungsszene in der Völuspá: Askr und Embla
Drei Götter am Strand
Die Völuspá berichtet, dass drei Götter – Odin, Hœnir und Lodur – am Land entlanggehen,
bis sie zwei „Bäume“ oder Holzstücke finden, die später Askr und Embla heißen. Die Seherin zeichnet dabei kein Bild eines
geschmückten Tempels, sondern eines Randortes: Küste, Ufer, Land, das noch unbestellt ist. In solchen Bildern liegt eine
alte Vorstellung, dass Ursprung nicht im geordneten Saal beginnt, sondern dort, wo das Ungeformte liegt. Askr und Embla
sind zunächst nur Material. Sie haben weder Atem noch Geist, weder „lá“ noch „læti“ noch „litu góða“. Erst durch die
Gaben der drei wird aus Material ein Wesen, das unter den Gesetzen von Leben und Tod steht.
Wichtig ist die Dreizahl. Die nordische Dichtung liebt Triaden, weil sie Balance schaffen: Eine Gabe allein macht
den Menschen nicht; zwei Gaben könnten Gegensätze sein; drei Gaben erlauben eine Ganzheit, die nicht einfach in
zwei Pole zerfällt. In dieser Triade wirkt Lodur als der dritte Spender, dessen Anteil nicht durch Übermaß
auffällt, sondern durch Notwendigkeit. Ohne ihn bliebe der Mensch entweder Atem ohne Körper oder Geist ohne Erscheinung.
Er ist die Kraft, die das Ganze „abschließt“, nicht indem sie abschneidet, sondern indem sie vollendet.
Die Gaben der drei: Atem, Geist und das, was Lodur bringt
Der Vers nennt: Odin gibt „ǫnd“, Hœnir gibt „óð“, Lodur gibt „lá“ und „litu góða“. Schon an dieser Aufzählung sieht man,
dass Lodur in einer Doppelgabe spricht, während die anderen jeweils eine einzelne Gabe geben. Das kann bedeuten,
dass seine Gabe zwei Seiten derselben Sache hat, oder dass die Dichtung zwei Aspekte betont, um die Schwere seines Anteils
zu zeigen. „Litu góða“ lässt sich als „gute Farben“ oder „gute Gestalt“ verstehen; es betrifft, wie der Mensch erscheint,
wie er von anderen gesehen wird, wie er in die Welt tritt. „Lá“ ist schwieriger: Es wurde als Blut, als Saft, als
feuchte Hülle, als Lebensstoff verstanden. In jeder dieser Möglichkeiten steht es für das Innere des Leibes, für das,
was den Körper nicht trocken und tot sein lässt, sondern durchströmt.
Damit entsteht ein Bild: Odin gibt Atem und Lebenshauch, Hœnir gibt einen Geist oder Sinn, der den Atem lenkt,
und Lodur gibt das leibliche Leben, das an Farbe, Form und Stoff gebunden ist. Die Menschen werden nicht als reine
Schatten erschaffen, sondern als Wesen, die im Licht stehen, deren Blut fließt, deren Wangen Farbe tragen, deren Haut
Wärme kennt, deren Gestalt einen Ort in der Welt behauptet. Lodur ist in dieser Lesart die Gabe des Irdischen,
nicht im Sinn des Niedrigen, sondern im Sinn des Sichtbaren und Greifbaren.
Askr und Embla als Beginn eines Schicksals
Die Seherin betont, dass Askr und Embla vor den Gaben „ørlög“ nicht hatten: kein zugewiesenes Geschick, keine Bahn,
in der Leben sich entfalten kann. Das ist wichtig, weil es zeigt, dass Menschsein nicht nur aus „Sein“ besteht,
sondern aus einer Einbindung in Ordnung. Lodurs Gabe steht dabei nicht isoliert: Sie ist Teil eines Ganzen,
das den Menschen in eine Welt einsetzt, in der er wahrgenommen wird und selbst wahrnimmt. „Litu góða“ ist so nicht
nur Schmuck; es ist Voraussetzung, dass der Mensch im Kreis der anderen erscheinen kann – dass er gesehen und erkannt
wird, dass er Gemeinschaft überhaupt tragen kann.
Was bedeuten „lá“ und „litu góða“?
Die dunkle Gabe: „lá“ als Lebensstoff
Wer über Lodur spricht, muss über „lá“ sprechen, weil hier sein Profil am schärfsten ist. Das Wort ist im Altnordischen
nicht eindeutig, und genau darin liegt seine mythische Kraft. Viele Deutungen kreisen um Blut und Säfte, um eine
feuchte Substanz, die den Leib bewohnt. Blut ist in der nordischen Vorstellungswelt kein bloßer Stoff: Es trägt Verwandt-
schaft, es bindet Eid, es schreit nach Vergeltung, es ist Zeichen von Leben und Preis von Opfer. Wenn Lodur „lá“ gibt,
dann kann das bedeuten, dass er den Menschen in jene Sphäre setzt, in der Verletzbarkeit und Kraft zugleich wohnen.
Ein Wesen mit Blut kann kämpfen und bluten, kann Geburt und Tod kennen, kann Schuld und Ehre tragen.
Auch wenn spätere Ausleger das Wort gern als „Wärme“ deuten, ist Vorsicht geboten: Nicht jede anziehende Erklärung ist
durch den Sprachgebrauch gedeckt. Doch selbst wenn man nicht „Wärme“ sagt, bleibt die Richtung ähnlich: „lá“ ist das,
was den Körper lebendig macht, was ihn durchdringt, was ihn nicht zu trockenem Holz erstarren lässt. Es ist ein Stoff,
der Bewegung ermöglicht: Puls, Atmung, Lebenslauf. In einer Welt, die Frost und Feuer als Urkräfte kennt, ist ein solcher
Lebensstoff die Mitte, die zwischen Extremen existiert.
Die sichtbare Gabe: „litu góða“ als Erscheinung und Anerkennung
„Litu góða“ lässt sich zunächst als „gute Farben“ lesen. Das kann Hautfarbe, Röte, Aussehen bedeuten – und mehr als das:
In einer Dichtung, die oft über „Ansehen“ und „Ruhm“ spricht, ist Erscheinung nicht nur Oberfläche. Wer „gut“ erscheint,
kann als ganz, als tauglich, als würdig gelten. „Litu góða“ kann daher den Menschen in die Sphäre sozialer Sichtbarkeit
stellen. Der Mensch ist nicht bloß lebendig, sondern er hat eine Gestalt, die für andere zählt. Er kann erkannt,
benannt, in Sippenordnung eingeordnet werden.
Andere Deutungen gehen weiter und sehen in „litu“ nicht nur Farbe, sondern Form. Dann wäre Lodur derjenige,
der dem Menschen „gute Gestalt“ schenkt: den Umriss des Menschlichen, vielleicht sogar ein Maß, das dem Göttlichen
nahe ist. Die Vorstellung, dass Menschen nicht zufällig aussehen, sondern nach einer Form geschaffen sind, die Bedeutung
hat, passt in den Ton der Schöpfungsstrophe. Denn Askr und Embla werden nicht aus Nichts gemacht, sondern aus Holz
geformt. Formgebung ist hier ein zentraler Akt. Lodur wäre demnach nicht ein bloßer „Dekorateur“, sondern ein
Gestaltgeber, der das rohe Material in ein Bild verwandelt, das in der Welt Bestand hat.
Warum Lodur zwei Gaben gibt
Dass Lodur sowohl „lá“ als auch „litu góða“ gibt, kann man als Hinweis lesen, dass Leib und Erscheinung zusammengehören.
Blut ohne Gestalt wäre ein namenloses Strömen; Gestalt ohne Lebensstoff wäre eine leere Hülle. In der Verbindung beider
entsteht ein Wesen, das im Innern bewegt ist und nach außen sichtbar. Die Dichtung verbindet so Innen und Außen in einer
Hand. Und wenn man fragt, warum ausgerechnet Lodur diese Verbindung trägt, könnte die Antwort sein:
Weil er im Schöpfungsakt die Schwelle zwischen dem rohen Material und dem lebenden Menschen markiert.
Er macht aus Holz nicht nur Form, sondern Form mit Leben.
Lodur neben Odin und Hœnir: Die Triade und ihre Bedeutung
Odin als Atemgeber, Hœnir als Geistschenker
In der Schöpfungsstrophe steht Lodur nicht allein. Er tritt neben Odin und Hœnir.
Das ist mehr als eine zufällige Gruppierung. Odin ist in vielen Quellen der Gott, der durch Wissen, Opfer und
Herrschaft wirkt; sein Atem ist nicht nur Luft, sondern eine Gabe, die Leben überhaupt anbindet. Hœnir ist in den Liedern
oft schwer zu fassen, doch in dieser Szene gibt er „óð“ – ein Wort, das in Richtung Geist, Sinn, poetische Kraft weist.
Damit ist die Szene nicht einfach „drei Götter machen Menschen“, sondern „drei unterschiedliche Kräfte setzen
das Menschenwesen zusammen“.
Lodur schließt diese Zusammenstellung ab. Wenn man die drei Gaben zusammenliest, wirkt es, als würde der Mensch aus
Hauch, Geist und Leiblichkeit entstehen. Atem allein wäre kurz; Geist allein wäre ungebunden; Leib allein wäre dumpf.
Das Zusammenspiel macht ein Wesen, das sowohl atmen und denken als auch handeln und leiden kann.
In einer Mythologie, die den Menschen nicht als Mittelpunkt der Welt zeichnet, sondern als Bewohner eines gefährdeten
Mittleren, ist diese Zusammensetzung konsequent: Der Mensch braucht genug Geist, um Zeichen zu lesen, genug Atem,
um zu leben, und genug Leib, um im Kampf der Kräfte zu bestehen.
Die Triade als wiederkehrendes Muster
In anderen Erzählzusammenhängen erscheinen Odin und Hœnir auch mit einer dritten Gestalt, besonders mit
Loki, wenn es um Reisen, Gefahren und das Lösen von Zwängen geht. Das hat Ausleger dazu
gebracht, nach Verbindungen zu fragen: Ist Lodur vielleicht ein anderer Name für eine Gestalt, die in anderen
Erzählungen Loki heißt? Oder steht er für eine eigenständige Kraft, die in den überlieferten Liedern nur einmal
so offen genannt wird, während sie sonst hinter Kennings und Andeutungen verborgen bleibt? Sicher ist nur:
Die Dichtung setzt gern Triaden ein, in denen Rollen verteilt sind. Lodur ist im Schöpfungsakt „der Dritte“,
und diese Position ist in der Mythologie nie nebensächlich. Der Dritte kann das fehlende Maß sein, die gefährliche
Kante oder die vollendende Hand.
„Freund Lodurs“: Die Spur der Kennings
Außerhalb der Schöpfungsstrophe gibt es Spuren, die Lodur nicht als handelnde Figur, aber als Bezugspunkt zeigen:
In der Skaldenkunst kann Odin mit Kennings bezeichnet werden, die ihn als „Freund Lodurs“ nennen. Kennings sind
keine willkürlichen Schmuckwörter; sie setzen Beziehungen voraus, die als bekannt gelten. Wenn ein Dichter Odin so nennt,
deutet das an, dass die Verbindung zwischen den beiden als erzählwürdig empfunden wurde – selbst wenn die Erzählung,
die sie ausbuchstabiert, uns nicht erhalten ist. Für ein Publikum, das solche Kennings versteht, muss „Lodur“
also mehr gewesen sein als ein fremder Laut: Er war ein Name, der etwas mit Gemeinschaft und Nähe zu tun hatte.
Was wir sonst von Lodur wissen – und was wir nicht wissen
Ein Name ohne Sagenzyklus
Viele Gestalten der nordischen Mythologie sind durch mehrere Szenen gezeichnet: Sie erscheinen im Streit, im Rat, in
List, in Kampf. Lodur dagegen hat keinen erhaltenen Sagenzyklus. Es gibt keine Folge von Abenteuern, in denen er
wiederkehrt. Das bedeutet nicht, dass er „unwichtig“ war; es bedeutet, dass sein Bild in der schriftlichen Überlieferung
nicht breit ausgesponnen wurde. Gerade in der Edda ist das nicht ungewöhnlich. Manche Namen tauchen auf wie Sterne durch
Wolken: ein kurzer Glanz, dann wieder Dunkel. Die Dichtung setzt voraus, dass manches dem Publikum bereits bekannt war,
oder dass die Nennung genügt, um eine Vorstellung zu wecken.
Lodur ist so ein Stern. Er taucht in einem Vers auf, in dem die Welt entsteht, und verschwindet wieder.
Diese Eigenart hat zu vielen Versuchen geführt, seine Gestalt über Gleichsetzungen zu „retten“: Wenn er sonst nicht
auftaucht, so die Überlegung, könnte er identisch sein mit einer bekannteren Figur. Doch jede solche Gleichsetzung ist
ein Schritt in unsicheres Gelände. Man darf sie erzählen, man darf sie prüfen, doch man sollte sie nicht als festes
Wissen setzen. Sicher ist nur das, was die Strophe sagt: Lodur gibt.
Die Abwesenheit bei Snorri: Vili und Vé statt Lodur
In der Prosadarstellung der Schöpfung, wie sie in der Gylfaginning überliefert ist,
treten statt Hœnir und Lodur die Brüder Odins auf: Vili und Vé. Das ist ein bedeutender Unterschied.
Er zeigt, dass es mehrere Traditionsstränge gab oder dass der Erzähler eine andere Zuordnung bevorzugte.
Man kann daraus schließen, dass die Triade nicht in allen Kreisen gleich erinnert wurde. Vielleicht war der Name Lodur
in manchen Traditionen bereits fremd geworden, während Vili und Vé als Brüderpaar an Odin gebunden blieben.
Vielleicht aber handelt es sich um eine bewusste Ordnung: Die Prosadarstellung ordnet die Schöpfung in eine Genealogie
ein, während das Lied die Schöpfung in eine Funktionsgemeinschaft stellt.
Diese Verschiebung ist einer der Gründe, warum Lodur so rätselhaft ist. Denn wenn ein Name in einem wichtigen Moment
auftaucht und dann von einem anderen Namen ersetzt wird, stellt sich die Frage: Ist es derselbe, nur anders genannt?
Oder sind es verschiedene, und die Tradition hat die Rollen vertauscht? Die Quellen geben keine endgültige Antwort.
Sie zeigen aber, dass „Schöpfung“ nicht nur ein Ereignis war, sondern ein Stoff, der in verschiedenen Formen
erzählt werden konnte.
Die Deutungen: Lodur als Loki, als Vé, als eigene Macht
Die starke Hypothese: Lodur und Loki
Unter den Deutungen ist die Gleichsetzung von Lodur mit Loki besonders einflussreich.
Sie stützt sich vor allem auf Muster: Odin und Hœnir ziehen in manchen Erzählungen mit Loki, und diese Dreiergruppe
wirkt wie ein erzählerisches Werkzeug. Wenn die Schöpfungsstrophe ebenfalls eine Dreiergruppe hat, liegt der Gedanke nahe,
dass auch hier dieselbe Gruppe gemeint sein könnte, nur mit einem anderen Namen. Hinzu kommt, dass spätere, deutlich
jüngere Dichtungen Loki mit einem Namen nennen, der Lodur nahe steht. Solche Spuren können dafür sprechen, dass in
gewissen Traditionen die Namen zusammenrückten oder als austauschbar verstanden wurden.
Gegen diese Gleichsetzung wird häufig eingewandt, dass Loki in anderen Teilen der Völuspá
eine Rolle spielt, die eher als gefährlich oder zerstörerisch erscheint. Wie passt das zu einem Spender von Leiblichkeit
und guter Gestalt? Die Antwort hängt davon ab, wie man Loki liest: als bloßes Unheil, oder als ambivalente Kraft, die
sowohl bewegt als auch zerbricht. Die nordische Dichtung kennt keine einfache Trennung in „gut“ und „böse“. Dennoch bleibt
die Spannung: Wenn Lodur Loki wäre, wäre es bemerkenswert, dass die Schöpfung einen Anteil trägt, der später am Untergang
beteiligt ist. Das wäre nicht unmöglich; es würde aber bedeuten, dass im Ursprung bereits ein Keim des Bruchs liegt.
Die alternative Zuordnung: Lodur als Vé oder Vili
Weil Snorri in seiner Prosadarstellung Vili und Vé nennt, haben manche Ausleger vermutet, Lodur könnte ein anderer Name
für einen dieser Brüder sein. Diese Deutung verbindet die beiden Traditionsstränge, ohne Loki einzubeziehen.
Sie hat den Vorteil, dass die Schöpfung in beiden Fällen mit Odin und zwei Begleitern geschieht. Doch sie hat auch eine
Schwierigkeit: Über Vili und Vé erfahren wir ebenfalls wenig, und die Quellen geben keinen direkten Hinweis, dass
Lodur mit ihnen gleichzusetzen ist. Man gewinnt damit eine Ordnung, aber man verliert nicht das Rätsel, sondern verschiebt
es. Dennoch ist die Möglichkeit wichtig, weil sie zeigt, dass Lodur nicht zwingend außerhalb der „Brüdergruppe“
stehen muss; er könnte ein Name sein, der in bestimmten Gegenden oder Liedschichten den Platz eines Bruders einnimmt.
Die vorsichtige Haltung: Lodur als eigenständige Gestalt
Es gibt auch den nüchternen Weg: Lodur ist Lodur. Das heißt: Wir nehmen die Strophe ernst, ohne sie sofort in ein
anderes Namenssystem zu pressen. Dann ist Lodur ein Gott, dessen Hauptaufgabe im erhaltenen Material die Gabe von „lá“
und „litu góða“ ist, und dessen weitere Geschichten nicht bewahrt wurden. Diese Haltung ist weniger spektakulär,
aber oft näher am Umgang der Quellen: Sie lassen vieles offen, sie geben Funktionssplitter und erwarten, dass das Publikum
damit lebt. Ein solcher Blick erlaubt, Lodur als Kraft des leiblichen Lebens zu lesen, ohne ihn zwangsläufig zu Loki,
Vé oder einer anderen Gestalt zu machen.
Die Schöpfung als Erzählkern: Was Lodurs Gabe im Mythos auslöst
Leiblichkeit als Voraussetzung von Ehre und Schuld
Wer Blut hat, kann verletzt werden. Wer verletzt werden kann, kann Ehre verlieren oder gewinnen. Die Welt der nordischen
Erzählungen ist voller Entscheidungen, die am Leib hängen: Mut zeigt sich im Standhalten, Schande im Weichen, Ruhm im
Überleben oder im würdigen Fallen. Wenn Lodur „lá“ gibt, dann gibt er nicht nur Leben, sondern die Möglichkeit,
dass menschliche Tugenden überhaupt Gestalt haben. Ohne Leib gäbe es keine Wunde, kein Zeichen des Kampfes, keine Spur
des Werkes. Die Gabe des Leibes ist daher zugleich Gabe der Verantwortung: Der Mensch kann handeln, und er trägt die
Folgen, weil sein Leben endlich und verletzbar ist.
„Litu góða“ kann man in diesem Zusammenhang als die Gabe der Anerkennung lesen. In einer Welt, in der Name und Ruf
Gewicht haben, ist es nicht gleichgültig, wie man erscheint. Der Mensch muss sichtbar werden, um in Sippe und Thing
zu stehen. Er muss einen Körper haben, der als „Mensch“ erkannt wird, nicht als Holz oder Schatten. Lodur verleiht
dadurch die Möglichkeit sozialer Bindung. Und soziale Bindung ist im nordischen Denken Schutz und Gefängnis zugleich:
Sie stiftet Hilfe, aber sie fordert Loyalität; sie rettet, aber sie bindet Vergeltung an Vergeltung.
Die Gabe als Einsetzung in Midgard
Menschsein bedeutet, in Midgard zu leben, zwischen Kräften, die größer sind als der Hof.
Midgard ist nicht der Himmel der Götter und nicht die Wildnis der Riesen, sondern der Ort der Grenze.
Damit ein Wesen dort bestehen kann, braucht es nicht nur Atem und Geist, sondern auch Leib, der Wetter und Hunger kennt,
der Kälte erträgt, der Arbeit leistet. Lodurs Gabe ist so eine Einsetzung: Der Mensch erhält nicht bloß „Leben“,
sondern ein Leben, das in dieser Welt funktioniert. Farbe im Gesicht bedeutet Durchblutung, bedeutet Wärme, bedeutet
Widerstand gegen Frost. Lebensstoff im Leib bedeutet Kraft, nicht sofort zu zerfallen.
Schöpfung als Bindung an den Lauf der Zeiten
Die nordische Mythologie denkt Ursprung und Ende zusammen. Wenn Ragnarök die Ordnung bricht, dann ist die Schöpfung
die Setzung dieser Ordnung. Lodur steht am Anfang und wirkt dadurch indirekt bis in den Untergang:
Die Menschen, die am Ende sterben und kämpfen, sind Menschen, weil ihnen am Anfang „lá“ und „litu góða“ gegeben wurden.
Jede spätere Geschichte von Fehde, Fahrt, Eid und Fall hängt daran, dass ein Leib existiert, der sterben kann,
und eine Gestalt, die ein Name sein kann. Lodurs kurzer Auftritt hat so lange Schatten.
Eine Erzählung aus dem einen Vers: Lodur im inneren Bild
Der Gang am Ufer
Wenn man die Schöpfungsstrophe nicht als trockene Aufzählung liest, sondern als Szene, entsteht ein Bild,
das fast wie ein kleines Lied im Lied wirkt. Drei Götter gehen am Ufer. Der Wind kommt vom Meer. Das Land ist jung,
noch nicht durch Häuser gezähmt. Am Strand liegen zwei Stücke Holz, vom Wasser geglättet, vom Salz gezeichnet.
Sie sind nicht „nichts“, aber sie sind auch noch kein „wer“. Die Götter beugen sich darüber. Sie nehmen, was da ist,
und machen daraus etwas, das nicht mehr zurück in die Wellen fällt.
In diesem Bild ist Lodur nicht ein ferner Herrscher, sondern eine Hand am Werk. Seine Gabe ist nicht ein Befehl,
sondern ein Einlassen auf Stoff. „Lá“ verlangt Nähe zum Leib, zum Innern. „Litu góða“ verlangt Formung,
vielleicht das Streichen über Holz, das Ziehen von Linien, das Setzen von Maß. Die nordische Dichtung sagt das nicht
in solchen Worten, aber sie lässt es denken. Lodur ist dadurch ein Gott, der nicht nur spricht, sondern gestaltet.
Die zwei Gaben als zwei Berührungen
Man kann sich vorstellen, dass die Gabe von „lá“ wie das Einsetzen von Strömen ist: Dass etwas in dem Holz zu fließen
beginnt, dass es von innen her warm und beweglich wird, dass es nicht mehr bloß Oberfläche bleibt.
Und man kann sich vorstellen, dass „litu góða“ wie das Hervortreten ins Licht ist: Dass die Gestalt nicht mehr grau
und ununterscheidbar ist, sondern Farbe bekommt, die Augen anzieht, dass das Gesicht nicht mehr Holz ist, sondern
Ausdruck. In einem solchen inneren Bild wird Lodur nicht durch viele Geschichten definiert, sondern durch zwei Akte,
die als Ursprung aller späteren Menschlichkeit gelten.
Warum gerade Holz
Askr ist im Namen an die Esche gebunden; Embla ist im Namen unsicherer gedeutet, doch auch sie wird oft als Baum
verstanden. Bäume sind in der nordischen Welt nicht nur Pflanzen, sondern Bilder von Stand und Wachstum, von Wurzel und
Krone. Der Weltenbaum Yggdrasil hält die Reiche, und aus Holz werden Hallen gebaut,
Schiffe gefertigt, Waffenstiele geschnitzt. Holz ist der Stoff der Welt. Wenn Menschen aus Holz geformt werden,
sind sie nicht Fremdkörper, sondern aus demselben Material wie ihre Häuser und Schiffe – verwandt mit dem, was sie
umgibt. Lodurs Gabe macht dieses Material nicht nur brauchbar, sondern beseelt. Er schlägt die Brücke zwischen
Weltstoff und Menschenstoff.
Lodur im Geflecht anderer Gestalten: Nähe ohne Abweg
Mit Odin verbunden
Wenn Odin in Kennings als „Freund Lodurs“ erscheinen kann, dann wird Lodur in eine Nähe zum höchsten der Asen gestellt.
Diese Nähe lässt sich auch aus der Schöpfungsszene lesen: Wer gemeinsam den Ursprung setzt, steht in enger Gemeinschaft.
Doch die Quellen lassen offen, wie diese Gemeinschaft aussah. War sie Bund, war sie Verwandtschaft, war sie bloß
Funktionsgemeinschaft? Die Dichtung sagt es nicht. Sie lässt nur die Spur: In jenem Moment handeln sie als Einheit.
Mit Hœnir in derselben Reihe
Hœnir ist selbst eine Gestalt, deren Profil oft im Schatten steht. In manchen Erzählungen wirkt er unsicher,
in anderen wird er als derjenige genannt, der Entscheidungen trifft, wenn Rat gehalten wird. In der Schöpfung aber ist er
klar: Er gibt „óð“. Dass Lodur neben ihm steht, verbindet zwei rätselhafte Namen zu einer klaren Funktion.
Es kann bedeuten, dass die Tradition in dieser Szene bewusst einen bekannten Namen (Odin) mit zwei weniger bekannten
Namen (Hœnir, Lodur) verbindet, um zu zeigen: Ursprung ist nicht nur Sache eines Einzelnen. Selbst der Mächtigste
handelt im Anfang nicht allein.
Mit Loki als Möglichkeit, nicht als Gewissheit
Die Nähe von Odin, Hœnir und Loki in anderen Geschichten ist auffällig, und sie erklärt, warum Lodur immer wieder in
Lokis Schatten gerät. Doch auch wenn man die Gleichsetzung nicht annimmt, bleibt eine erzählerische Nachbarschaft:
Es scheint ein Muster zu geben, in dem Odin mit einem „denkerischen“ Begleiter und einem „handelnden“ Begleiter auftritt,
wenn Grenzen überschritten werden. Die Schöpfung ist eine Grenzüberschreitung der größten Art. Dass Lodur dort die Rolle
des handelnden, stoffnahen Gebers einnimmt, passt in dieses Muster – unabhängig davon, wie man die Namen verteilt.
Wenn du Lodur verstehen willst: Lies den einen Moment wie ein ganzes Kapitel
Die Kunst, aus wenig viel zu lesen
Bei Gestalten wie Lodur entscheidet nicht die Menge der Geschichten, sondern die Dichte der einen Szene.
Man muss lernen, einen Vers so zu lesen, als wäre er eine Tür in einen größeren Raum. Lodur ist nicht klein,
weil er selten erwähnt wird; er ist groß, weil sein Name an einer Stelle steht, wo es um den Übergang vom Stoff zum Leben
geht. Seine Gabe ist nicht dekorativ, sondern konstitutiv. Sie macht Menschen zu Wesen, die im Licht erscheinen,
die in Sippe und Fehde, in Arbeit und Kampf, in Geburt und Tod stehen.
Die Schöpfung als Maßstab für spätere Geschichten
Sobald man Lodurs Anteil ernst nimmt, liest man viele spätere Motive anders. Der Mensch ist nicht nur „von den Göttern
abhängig“, sondern er trägt göttliche Gaben im Innern. Atem, Geist und Lebensstoff sind nicht selbst errungen,
sondern geschenkt. Daraus entsteht eine Spannung, die die nordische Welt durchzieht: Menschen handeln frei und tragen
Schuld, und doch sind sie von Anfang an in eine Ordnung eingesetzt, die sie nicht gemacht haben. Lodurs Gabe macht diese
Spannung körperlich. Sie ist im Blut und in der Gestalt eingeschrieben.
Eine letzte Erinnerung: Der Name als Spur, nicht als abgeschlossenes Bild
Am Ende bleibt Lodur ein Name, der mehr fragt, als er beantwortet. Genau das ist sein Platz.
Er erinnert daran, dass die nordische Mythologie nicht als abgeschlossenes Buch zu uns gekommen ist, sondern als
Sammlung von Stimmen, die manchmal flüstern und manchmal schreien. Lodur flüstert.
Und wer sich über dieses Flüstern beugt, hört vielleicht den Kern: dass Menschen nicht nur atmen und denken,
sondern in Farbe und Blut in der Welt stehen – weil ein Gott im Anfang beides gab.
Bereit?
Lodur ist der rätselhafte Dritte im Schöpfungsakt: eine Hand am Holz, ein Geber von Lebensstoff und Erscheinung,
ein Name, der kurz aufleuchtet und doch den ganzen Menschen betrifft. Wenn du ihn suchst, suche nicht nach langen
Abenteuern – suche nach dem einen Augenblick, in dem die Welt beginnt zu atmen.
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